Ordnung muss sein
Zum Konzept der Regionalliga-Mannschaft des TSV 1860 gehört die Abstiegsgefahr - Trainer Higl sieht darin eine Reifeprüfung
Ein Wort, das Alfons Higl oft in den Mund nimmt, ist "ordentlich". Er sagt zum Beispiel, die sechswöchige Vorbereitung auf die zweite Hälfte der Saison, die am kommenden Wochenende beginnt, sei "ordentlich" verlaufen. Auch wenn der Trainer des Regionalligisten TSV 1860 München II über seinen neunjährigen Sohn redet, dann hofft er, aus ihm einmal einen "ordentlichen Spieler" machen zu können. Nun ist Higl kein Ordnungsfanatiker, doch er legt Wert auf Disziplin. Es gibt nur wenige Momente, in denen er laut wird. Wenn seine Mannschaft spielt, ruft er nur selten ins Spielfeld hinein. Außer, mangelnde Disziplin droht das Spiel zu entscheiden.
In den ersten 18 Spielen lief er aber dann doch des öfteren am Spielfeldrand auf und ab. Seine Mannschaft überwinterte auf einem Abstiegsplatz - für Higl ist das primär erst einmal interessant. Er will sehen, wie die Mannschaft auf diese Situation reagiert. "Druck ist ja erstmal nichts Negatives", sagt der 41-jährige ehemalige Profi des 1. FC Köln. "Unter Druck zeigt man ein gutes Lernverhalten, das gilt auch für mich, man lernt ja nie aus." In gewisser Weise ist der ständige Abstiegskampf genau das, was sie beim TSV 1860 wollen: eine Reifeprüfung für junge Spieler, die sich hocharbeiten möchten in die erste Mannschaft. Und deshalb verwundert es nicht, dass Alfons Higl für seine Arbeit überhaupt nicht kritisiert wird. Der Druck mag groß sein, aber den Druck einer möglichen Entlassung hat Higl bisher nicht kennen gelernt.
Die Gründe für die auf dem Papier schlechte Saisonleistung liegen sowieso nicht beim Trainer. "Wir haben keine teuren Führungskräfte in der Mannschaft", sagt Ernst Tanner, Leiter des Nachwuchs-Leistungszentrums des TSV 1860. "Das erlaubte Kontingent von drei Spielern über 23 Jahren schöpfen wir nie aus. Im Prinzip spielen da Halbwüchsige gegen Profis." Tanner sieht in der zweiten Mannschaft vor allem ein Ausbildungskonzept, das das wertvolle Gut "Erfahrung" anbiete. "Wir werden uns gegen den Abstieg stemmen, aber die Gefahr dazu besteht qua Konzeption der Mannschaft. Wir verfolgen ein reines Ausbildungskonzept."
Zudem hat der einzige Führungsspieler, Christian Holzer, vor fünf Wochen die Sechziger gen SpVgg Unterhaching verlassen. Und der einzige Torgarant der Hinrunde, Nicky Adler, kommt immer öfter in der zweiten Liga zum Einsatz. Der Verein glaubt, dass einige der jungen Spieler wie Adler und Nikolas Ledgerwood, später womöglich auch Björn Ziegenbein und Fabian Johnson, dauerhaft in der ersten Mannschaft spielen können. Je erfolgreicher Higl also arbeitet, umso schwerer wird es im aktuellen Jahr, die Klasse zu halten.
Doch es ist eben dieses Ausbildungskonzept, das Higl reizte, als Co-Trainer beim Bundesligisten VfL Wolfburg aufzuhören und nach München zu gehen. "München ist ja auch eine schöne Stadt, und nah der Heimat", sagt Higl, der aus Aindling stammt und die A-Jugend des FC Augsburg zur Süddeutschen Meisterschaft führte. Higl kann gut mit jungen Spielern, womöglich, weil er selbst noch jung ist. Immerhin beendete der Defensivspieler seine Profi-Karriere schon mit 32 Jahren. Doch Higl ist gleichzeitig alt genug, sich nicht mit coolen Sprüchen anbiedern zu müssen. "Ich bin ein Trainer, der sehr viel redet", sagt Higl. Das mag überraschen bei einem Mann, der in Pressekonferenzen sehr leise und sehr bedächtig spricht und selten ein Wort zu viel in den Mund nimmt. "Ich rede täglich mit jedem Spieler. Im Training und danach, mit und ohne Ball." Was er jedoch nicht leiden kann ist, wenn ein Spieler, und sei er noch so ein großes Talent, über längere Zeit seine Ratschläge nicht annimmt. "Ich versuche es ein paarmal, aber dann lässt man es auch sein", sagt er trocken.
Alfons Higl wird viel zu tun haben in den nächsten Wochen, womöglich dauert der Abstiegskampf bis zum Schluss. Aber auch vor dem letzten Spieltag würde er niemals zu Walter Schachner gehen und ihn bitten, Nicky Adler für die Regionalliga freizustellen. "Die erste Mannschaft hat absolute Priorität", sagte Higl schon zu Beginn der Saison. Alfons Higl ändert auch unter Druck seine Prinzipien nicht.
Christoph Leischwitz
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Quelle:
www.sueddeutsche.de