Ich habe Zeugen: ich war auf n Oldschdodspiel
Was für ein Chaos, das da momentan bei den "Lilien" abgeht...
frankfurter rundschau
Zum Abschied fliegen Steine
Darmstadt 98 verliert und steigt aus der Regionalliga ab / Fans randalieren nach Ankunft am Böllenfalltor
VON SEBASTIAN GEHRMANN
In diesen Tagen, da die Krawalle vermummter G 8-Gegner zum Dauerthema wird und ein fliegender Pflasterstein ein gebräuchliches Synonym für gewalttätigen Protest ist, bedarf es nicht besonderer Phantasie, um ein recht anschauliches Bild von der nächtlichen Randale auf dem Parkplatz vor dem altehrwürdigen Stadion am Böllenfalltor zu zeichnen.
Spät Abends hatte der Reisebus mit der Entourage des Fußball-Regionalligisten SV Darmstadt 98 an Bord vor dem verbarrikadierten Eingangstor gehalten. Im Internet hatten Anhänger nach dem endgültigen Abstieg der Lilien dazu aufgerufen, nach der 0:2-Niederlage (Tore: Kokocinski 65., Görlitz 90.) beim FC Bayern München II auf die Mannschaft zu warten. Gestern Morgen war von 30 bis 40, zum Teil maskierten und auf jeden Fall gewaltbereiten Personen die Rede, die der Darmstädter Ultra-Szene, aber auch dem Umfeld des Fanprojekt angehören sollen. Erst flogen den Spielern allerlei wüste Beschimpfungen, dann Steine entgegen. Die Heckscheibe splitterte, Spieler wurden von Scherben getroffen. Verletzt wurde niemand. Der Fahrer wendete und hielt erst wieder vor dem nahegelegenen Polizeipräsidium an.
Spieler denken an Boykott
Zu den "heftigen Aktionen aus Fankreisen", wie es offiziell heißt, will sich der Verein heute in einer Stellungsnahme äußern. Hinter den Kulissen muss noch abschließend über mögliche Konsequenzen diskutiert werden. Spieler hatten, wie Stürmer Nico Beigang der FR bestätigte, einzelne Gewalttäter erkannt. "Ich werde es nicht zulassen, dass irgendwelches Gesindel aus dem Umfeld Menschen im seelischen und körperlichen Bereich angreift", blaffte Vizepräsident Karl-Heinz Hahn. Noch in der Nacht hatte es eine Sitzung der Mannschaft gegeben. "Einige haben überlegt, ob sie Mittwoch überhaupt noch spielen sollen", sagt Beigang. Dann steigt in Hanau das Hessenpokal-Finale gegen den Oberligisten KSV Klein-Karben. Die Spieler fordern für diese Partie vom Vorstand eine Sicherheitsgarantie. Ein Boykott wäre fatal. Denn ein Sieg und der Einzug in den DFB-Pokal würden dem klammen Verein 55 000 Euro in die Kasse spülen. Gegen ein Team wie Paderborn würde sich die Summe auf 70 000 Euro erhöhen. "Gegen die Bayern", sagt Hahn, "ist es entsprechend mehr".
Der Verein kann jeden Cent gut gebrauchen. Dazu passt die Aussage, dass nach Mergim Mavraj (VfL Bochum) auch Kapitän Stefan Leitl den Verein nur gegen eine gewisse Ablösesumme verlassen soll. "Wir haben im Abstiegsfall eine Einigung getroffen", sagt Sportmanager Tom Eilers. "Wir werden hier niemanden verschenken."
So oder so steht die Mannschaft, von der Spielmacher Alberto Mendez sagt, ihr Gefüge sei intakt gewesen, "aber die Vereinsführung hat immer wieder dazwischen geschossen", vor einem radikalen Umbruch. Eilers geht davon aus, "dass wir sie neu gestalten". Der künftige Kader, so Eilers und Hahn unisono, "soll einen anderen Charakter haben". Und das sei wörtlich zu nehmen. Ob sich die tiefen Risse innerhalb des Vereins, die am Samstag ihren traurigen Höhepunkt erreichten, so kitten lassen, bleibt fraglich."Natürlich stellt sich in so einem Moment die Sinnfrage", sagt ein Präsidiumsmitglied, das nicht genannt werden will. "Wenn wir den Laden nun aufgeben, versinkt alles im Chaos." Als erste Maßnahme sollen die Randalierer zur Rechenschaft gezogen werden.
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