Darmstadt 98 spielt gegen die Stuttgarter Kickers lange Zeit dominant und verliert am Ende völlig die Orientierung
VON SEBASTIAN GEHRMANN
Fassungslose Zuschauer, die ihrer Mannschaft stumm den Rücken kehrten und fluchtartig das Stadion verließen. Kein gellendes Pfeifkonzert, keine wütenden Proteste auf dem Parkplatz vor der Haupttribüne - die Tristesse am Böllenfalltor war mit Händen zu greifen. In selbige vergrub der entsetzte Vizepräsident nach dem Abpfiff sein Gesicht. Vor dem ernüchternden 1:3 gegen die Stuttgarter Kickers, das Darmstadt 98 noch näher an den Abgrund geführt hat, war bei Karl-Heinz Hahn noch von den Planungen für die dritte Profiliga die Rede gewesen. Von alten Klassikern gegen ruhmreiche Traditionsvereine. Dabei kommen Woche für Woche nicht Düsseldorf und Dresden näher sondern Würges und Wörsdorf. Hahn wirkte wie vor den Kopf gestoßen. Wäre da nicht Gerhard Kleppinger, der unerschütterliche Trainer, der voller Inbrunst vom Klassenerhalt spricht, der frühlingshafte Nachmittag hätte genügend Stoff geliefert, die Lilien im Tabellenkeller der Regionalliga Süd vorzeitig abzuschreiben.
Es gibt Weisheiten, die sind so alt, wie der Fußball selbst, und diese gehört dazu: Wer hochkarätige Torchancen versiebt, verliert am Ende ein Spiel, dass er nie und nimmer hätte verlieren dürfen. Zur Halbzeitpause, da waren sich beide Trainer hinterher einig, wäre eine deutliche Darmstädter Führung mehr als verdient gewesen. Nach zehn Minuten hatten die Lilien den Kickers den Schneid abgekauft. Sie waren in allen Belangen überlegen, doch wie Pfuderer (18. Minute), Beigang (27., 35., 44.), Mendez (30.) und Leitl (44.) ihre Möglichkeiten ausließen, das war zum Teil schon grob fahrlässig. Die Gäste hatten dem Darmstädter Schwung außer Torwart David Yelldell, der sich als sicherer Rückhalt erwies, wenig entgegenzusetzen.
Die Lilien indes machten nach dem Seitenwechsel zunächst da weiter, wo sie in der ersten Halbzeit aufgehört hatten und wurden nach elendig langen 50 Minuten endlich erlöst. Mendez bediente mit feinem Pass Leitl, und der vollendete trocken zum 1:0. Zum ersten Mal nach der Winterpause standen die beiden Kreativkräfte gemeinsam auf dem Rasen, und die Lilien spielten 70 Minuten lang nun wirklich nicht wie ein Abstiegskandidat. Was dann allerdings passierte, dafür fehlten anschließend vielen die Worte. Über drei Stationen ließen sich die Hausherren im eigenen Stadion auskontern. Der eingewechselte Tucci traf zum Ausgleich (76.), und die Sicherheit der Gastgeber war wie weggeblasen. "Man hat die Nervosität und die Angst gemerkt", fand Kleppinger.
Und zu allem Überfluss leitete dann einer die Niederlage ein, dessen Rückkehr ohnehin für eine Menge Zündstoff gesorgt und der bis dahin tadellos gehalten hatte: Bastian Becker. Der Keeper stand wieder für Sven Schmitt zwischen den Pfosten, der in den vergangenen Spielen nicht immer die sicherste Figur abgegeben hatte. Becker ist einer, an dem sich in Darmstadt die Geister scheiden. Im Umfeld des Klubs und innerhalb der Mannschaft.
Ob Kleppinger seine Entscheidung noch bereuen wird? Der 27-Jährige aus Kusel hatte zu Saisonbeginn eine unglückliche Figur abgegeben. Er hatte die Mannschaft zusätzlich verunsichert und sich den Unmut der Mitspieler zugezogen, als er gegen einen Verbleib von Ex-Trainer Gino Lettieri votiert hatte. Gegen die Stuttgarter Kickers bedeutete ein schwerer Schnitzer des ungeliebten Torhüters den Anfang vom Ende. Nach einem missratenen Abschlag stolperte Becker, der Weg zum Tor war frei, Bischoff sagte danke und es stand 1:2 (78.). "Schmitt hat jetzt auch nicht so schlecht gehalten", versuchte sich Routinier Richard Hasa in leiser Kritik. Das Stimmungsbild innerhalb des Kaders scheint eindeutig. Und doch wäre es zu einfach, Becker allein die Schuld in die Schuhe zu schieben. Es sind die Fehler in der Abwehr und die mangelnde Chancenverwertung, "mit denen wir uns selbst den Wind aus den Segeln nehmen", befand Hasa. Und die Mannschaft ist derzeit nicht in der Lage, Rückschläge zu verarbeiten. "Das geht direkt vom Kopf in die Beine", versuchte der Trainer die Auflösungserscheinungen beim 1:3 von Parmak zu erklären (85.). Der Schwung, mit dem die Lilien in die Winterpause gegangen waren, ist endgültig dahin.
Das Schlimmste daran ist, dass unser Präsidium samt Vorstand und Berater immer noch - NUR - von der eingleisigen Regionalliga reden und im Vorwort vom Stadionheft von St. Pauli träumen...
und irgendwie null realisiert haben, dass es um den Abstieg geht und wir nächste Saison gegen Viktoria Griesheim kicken...
So blöd kann man doch eigentlich gar nicht sein...
bestünde denn die Gefahr im falle eines Abstiegs in die Hessenliga, die auch in jener Liga nötige Lizenz nicht zu bekommen ? weiß jetzt nicht wie es in DA um die Finanzen steht , aber falls so mies ,wäre das ja wohl der Supergau!
Aber solange die Idee von der Oldschdod nicht aufhört zu begeistern und die Menschen das leben wird auch die Tradition bestehenbleiben.
Prost!
DI STEFANO hat geschrieben:bestünde denn die Gefahr im falle eines Abstiegs in die Hessenliga, die auch in jener Liga nötige Lizenz nicht zu bekommen ? weiß jetzt nicht wie es in DA um die Finanzen steht , aber falls so mies ,wäre das ja wohl der Supergau!
Zumindest unter den Fans ist nur noch die Rede von Abstieg in die "Landesliga"...
Und wahrscheinlich wäre das gar nicht mal so verkehrt: radikaler Neuanfang statt ewiges Rumgetümpel mit diesem Vorstand
katinka hat geschrieben:Das Schlimmste daran ist, dass unser Präsidium samt Vorstand und Berater immer noch - NUR - von der eingleisigen Regionalliga reden... So blöd kann man doch eigentlich gar nicht sein...
Kann man sehr wohl. Realitätssinn scheint nicht unbedingt die am besten ausgeprägte Fähigkeit von Präsidenten zu sein.
Ich erinnere mich an einen ehemaligen Regionalligisten, dessen Präsident einen Zweitligaaufstieg in Aussicht stellte, den er mit "vier Granaten" erreichen wollte - zu einem Zeitpunkt, als sein Verein weder sportlich noch finanziell den Regionalligaklassenerhalt in der Tasche hatte.
Die "Granaten" haben tatsächlich eingeschlagen - aber wohl nicht ganz so, wie vom Präsidenten erhofft. Jetzt spielt man dort gegen Großbardorf, Aindling und Heimstetten.
Offener Brief an die Spieler, sportliche Leitung, Funktionäre und Fans des SV Darmstadt 98, sowie alle Vertreter der Presse
Sehr geehrte Damen und Herren,
aufgrund der prekären sportlichen Situation und der Gesamtstimmung, die rund um unseren Verein herrscht, sehen wir die „Ultras Darmstadt“ die Dinge den Anlass gegeben, unsere ehrliche Meinung, sowie unser weiteres Vorgehen allen Beteiligten zu erläutern:
(...)
Aufgrund der sportlich sehr angespannten Lage, haben wir berechtigte Zweifel daran, dass jeder Woche für Woche genauso viel Herzblut für die Lilien opfert, wie wir das tun. Sportlicher Misserfolg bleibt nicht so dauerhaft durch Pech an einem heften, und uns würde es zutiefst bestürzen, wenn tatsächlich fehlende Kompetenz der Grund für den Niedergang des Vereins sein sollte.
Mit dem SV Darmstadt verbinden wir und die meisten anderen Stadiongänger wunderbare und schwere Zeiten, die wir gemeinsam gefeiert, aber auch durch gestanden haben. Bundesliga- und Zweitligajahre heften an diesem Verein und seinen Farben, viele schöne, wundervolle Erinnerungen, und jeder hat seine ganz persönliche. Mit diesen Erinnerungen strömen trotz der letzten 15 mehr oder weniger sportlichen verschenkten Jahre, immer noch 3000-4000 Zuschauer ins Stadion am Böllenfalltor. Das Potenzial in der Stadtbevölkerung für mehr ist bei Topspielen gegen Hertha oder Schalke bewiesen worden. Die Lilien sind ein Teil von Darmstadt, wie der „Lange Lui“, dem „Datterich“ oder dem Jugendstil.
Dieser Teil der Stadt würde mit dem Abstieg am Rande des Abgrunds in die sportliche Bedeutungslosigkeit stehen. Wir sind ALLE gefragt, dies zu verhindern, denn dies würde der Verein vielleicht nicht überleben.
Feste, in der Fanszene integrierte Strukturen, wie das Fanprojekt und seine neuen Räumlichkeiten (Einige Spieler haben diese besucht, und kennen den Treff- und Ausgangspunkt der Fanszene bereits) würden zudem verschwinden, da ihre Finanzierung nicht mehr zu halten wäre. Alles, was wir uns geschaffen haben, wäre mit einem Schlag zerstört.
Und das alles, wo doch nächstes Jahr die Relegation für eine attraktive eingleisige Regionalliga beginnt. Viele Fans sehen in ihr das lang ersehnte Ziel, nach langer Zeit der langweiligen Fahrten durch den schnöden Amteurfußball der Südstaffel. Gegner, wie Essen, St. Pauli oder Dresden erinnern an alte Tage und ließen die Aufwertung des Darmstädter Fußballs wesentlich schneller voran gehen, als jegliche Hessenpokalsiege dies je bewerkstelligen könnten. Hier sahen wir alle eigentlich die große Zerreisprobe für den Verein, und diese Saison eher als Aufbauarbeit für die schwierige Relegation.
Wir haben uns wohl getäuscht, in diesem Jahr geht es bereits um die Existenz unserer Lilien. Wir erwarten, dass sich diesen Umstand jeder bewusst wird, der im Zeichen des Vereins handelt, spielt oder singt. Jeder muss sich bewusst werden, dass es, egal wie schlecht es aussieht, bis hin zur letzten theoretischen Chance alles für den Verein geben muss, wenn wir diesen weiterhin noch wenigstens in greifbarer Nähe vergangener Zeiten und Triumphe sehen möchten.
Wir wissen nicht, ob dieser Text etwas ändert, dass können allein die Elf, die auf dem Spielfeld stehen. Allerdings möchten wir Ihnen mit diesen Worten verdeutlichen, um was sie da spielen, welchen Stellenwert es für die Menschen hat, die sie immer wieder begleiten und anfeuern und auch welche Konsequenzen ihr Versagen hätte (beispielsweise den Arbeitsplatz von Fanprojektleiter Sascha Rittel). Allerdings möchten wir ihnen und allen anderen Personen, die dies Lesen mit auf den Weg geben, nicht aufzugeben, bis es tatsächlich keine rechnerischen Chancen mehr auf den Klassenerhalt gibt.
Gemeinsam können wir es immer noch schaffen, wenn wir wirklich alle bis zum Saisonende, das Bestmögliche aus uns herausholen, um dem Verein aus dieser Lage zu helfen.
Jeder muss bei sich selbst mit der Frage anfangen „Gebe ich genug?“ Es hängt an uns allen diese Krise ebenfalls gemeinsam zu meistern, um wieder glückliche und wundervolle Zeiten mit unserem Verein zu verbringen. Jeder ist gefordert.
Dies sollte die weitere Vorgangsweise der „Ultras Darmstadt“ klar machen:
Wir werden vorerst nicht den Support einstellen oder sonstige Aktionen, die die Kritik an der sportlichen Situation um unseren SV98, ausdrücken veranlassen, behalten uns solche Schritte zu gegebener Zeit allerdings vor.
Wir werden weiterhin hinter der Mannschaft stehen und rufen auch nochmals zum Autokorso zum schweren Auswärtsspiel in Wehen auf (Treffpunkt ist um 11:30 Uhr am Böllenfalltor). Auch in dieser schweren Zeit, auch bei manchen Rückstand und Gegentor werden unser Support und unsere Aktivität weitergehen. Dies ist unser Anteil zum Bestehen der Hoffnung auf eine Kehrtwende, wir hoffen auch die Mannschaft und alle anderen Freunde und Verantwortlichen des SV98 werden ihren Teil tun.
Und es geht weiter bergab...
Wieder mal eine Niederlage und wieder mal eine rote Karte...
Ist auch jede Woche das Gleiche
SV 98 verliert in Wehen
3:1 (1:0) für den Tabellenführer
Der SV Darmstadt 98 hat das Auswärtsspiel beim SV Wehen mit 1:3 verloren. Den Führungstreffer von Torge Hollmann in der 39. Minute egalisierte Achim Pfuderer in der 65. Minute. Der Ex-Darmstädter Matias Cenci sorgte mit seinen beiden Toren in der 77. und 80. Minute für die Entscheidung. Wieder hatte der SV98 gut mitgespielt, wieder stand er am Ende ohne etwas zählbares da.
Darmstadt begann stark und selbstbewusst, versteckte sich nicht. So hatten die Lilien dann auch die erste Torchance im Spiel. Nach einem schönen Konter zog Leitl auf der rechten Seite vor das Tor, sein Schuss aus spitzem Winkel wurde jedoch von Masic abgewehrt. In der 12. Minute dann die erste Torszene für die Gastgeber. Popovic scheiterte an Becker. Ab der 20. Minute kam Wehen stärker ins Spiel und ließ kaum noch Offensivbemühungen der 98er zu. Beste Möglichkeit für die Taunussteiner durch Torsten Reuter in der 22. Minute, sein Schuss strich knapp am Pfosten vorbei. In der 39. Minute war es dann aber soweit. Nach einem Eckball stieg Hollmann am höchsten und köpfte den Ball unhaltbar für Becker zum 1:0 ein. Ab der 42. Minute mussten die Lilien dann nur noch mit zehn Mann auskommen. Schiedsrichter Wagner zog nach einem Foulspiel von Christian Remmers rot. Das 1:0 bedeutete dann auch den Pausenstand.
In der zweiten Halbzeit hatte Wehen anfangs aufgrund der zahlenmäßigen Überlegenheit mehr Räume für seine Angriffe. Die Vorstöße endeten jedoch oft im Abseits. Ab der 55. Minute kam Darmstadt wieder zurück ins Spiel. Ein Ausrufezeichen setzte Marcus Mann mit seinem fulminanten Schuss in der 58. Minute, den Masic glänzend parierte. In der 65. Minute wurden die Lilien dann für ihr Engagement belohnt. Leitl flankte weit von rechts. Achim Pfuderer stand goldrichtig und drückte den Ball aus kürzester Entfernung über die Linie. Auch danach kämpfte der SV98 beherzt und drängte in die gegnerische Hälfte. Mitten in diese Phase hinein fiel jedoch das 2:1 für die Taunussteiner. Cenci nahm einen Querschläger im Mittelfeld auf, zog davon und überwand Bastian Becker. Nur drei Minuten später die endgültige Entscheidung. Auch das 3:1 markierte wieder Cenci. Auch in den Schlussminuten bemühte sich Darmstadt weiter, es blieb jedoch beim Erfolg der Platzherren.